dU + dEα = δQ + δW | Lehren aus einer anderen Welt

Thermodynamik und Ökonomie – Lehren aus einer anderen Welt

Wirtschaftswissenschaftler sind keine Physiker. Nur wenigen von ihnen ist der Brückenschlag zwischen der Psychologie und der realen Materie gelungen. Ein wirksamer Wissenstransfer zwischen den Elfenbeintürmen findet in der Praxis nicht statt. Das ist schade – ja sogar fatal. Denn die Wirtschaftler, ob völkisch oder betrieblich, suchen nach neuen Ufern. Ihre Theorien scheinen in einer beschleunigt komplexer werdenden Welt nicht mehr zu greifen. Ihre Erklärungsversuche haben in diesen Tagen bestenfalls poetischen Wert.

Und dabei wäre es doch so einfach, einmal über den Zaun zu schauen zu den Naturwissenschaftlern. In der Praxis haben sie millionenfach den Beweis angetreten, dass ihre Theorien die Wirklichkeit gut abbilden. Den Flug zum Mond würde es ohne ihr Wissen ebenso wenig geben wie die im Laufe eines einzigen Jahrhunderts verdoppelte Lebenserwartung der Menschen in den Industrienationen.

Vielleicht noch mehr überrascht die Tatsache, dass die Idee, von der Naturwissenschaft für die Sozialwissenschaft zu lernen, überhaupt nicht neu ist. Isabel Paterson hat zum Beispiel im Jahr 1943 ihre bahnbrechenden Gedankenmit dem Titel „The God of the Machine“ zu Papier gebracht. Aber selbst die schon zu Lebzeiten zu Legenden gewordenen Größen Milton Friedman und John Maynard Keynes würdigten es keiner noch so zurückhaltenden Kritik.

Greifen wir doch einige ihrer Ideen einmal auf und denken sie ein Stück weiter. Fangen wir ganz vorne an. Wir nehmen einmal den ersten Hauptsatz der Thermodynamik, an den sich auch die meisten Wirtschaftswissenschaftler erinnern werden. Er lehrt, dass Energie in einem geschlossenen, bewegten System nicht verloren gehen kann. Nun – was hat das mit Wirtschaft zu tun?

Die Natur der Wirtschaft ist pure Energie, materielle und soziale Energie. Sie steckt in ihrer Reinform nicht nur in Roh- oder Wertstoffen, sondern auch in den Köpfen der Menschen – in Visionen von Unternehmern genauso wie in den Zielen von Millionen angestellt Beschäftigter, in den Wünschen der Kunden, in der Gesellschaft als solches schlechthin. Es braucht beide Reinformen der Energie, um Neues zu schaffen.

Geld ist das Transportmedium dieser Energie, das Mittel, das aus der Vorstellungskraft eines Einzelnen eine Bewegung schafft. Ohne Geld – oder ein Äquivalent – steht jede Gesellschaft still und verfällt zusehends in Rückschritt. Entscheidend bei dieser Erkenntnis ist der multiplikative Zusammenhang zwischen materieller und sozialer Energie, zwischen Geld und Visionen. Die Kraft des Erfinders wächst mit seinen finanziellen Mitteln exponentiell. Aber gutes Geld schlechtem hinterher zu werfen, vernichtet Energie.

Was lehrt uns nun die Thermodynamik mit ihrem ersten Satz? Sie lehrt, dass die inzwischen weltweit präsente Politik des leichten Geldes zwei Risiken birgt – und mehr noch, dass diese Risiken sich gegenseitig enorm verstärken. Die Risiken liegen in der Geldwertvernichtung und in der Aufladung der Gesellschaft mit negativer, weil zerstörerischer anstatt wertschöpfender sozialer Energie.

Der erste dieser Faktoren, die Geldwertvernichtung, lässt sich leicht voraussagen. Zitieren wir dazu einen aktuellen Artikel aus dem Wallstreet Journal:

“Die unbeabsichtigten Konsequenzen der quantitativen Lockerung treten allmählich deutlicher hervor. Die extrem niedrigen Zinsen verteuern die Verpflichtungen von Pensionsfonds, was zu größeren Defiziten führt. Dadurch müssen Unternehmen und Haushalte stärker sparen, was auf Kosten des Konsums geht. „QE“ könnte sogar für weitere Fehlallokation von Kapital verantwortlich sein, wenn Pensionsfonds und Versicherer auf ihrer verzweifelten Suche nach Renditen zu falsch bewerteten Risikoanlagen greifen. Die negativen Vermögenseffekte steigender Immobilienpreise – als Folge der künstlich niedrigen Zinsen – könnten sich dämpfend auf die Binnennachfrage auswirken. Und auch die Abwertung der eigenen Währung infolge lockerer Geldpolitik ist ein zweischneidiges Schwert, wie Großbritannien bereits feststellen musste. Denn höhere Inflation gefährdet den Lebensstandard.” ¹

Der letzte Satz dieses Zitats verweist auf das zweite Risiko und dessen direkte Verknüpfung mit dem ersten. Man könnte glauben, Gesellschaften, denen das Geld ausgeht, zerfallen und lösen sich auf. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall: Ihre Mitglieder, zumindest der größte Teil, rotten sich zusammen, schotten sich nach außen ab und entarten kulturell. Beispiele dafür muss man nicht nennen – wir kennen sie bestens aus der eigenen völkischen Vergangenheit.

Aus dieser Feststellung folgt eine simple Konsequenz: Die Vorhersagen unserer Ökonomen sind vollkommen wertlos. Weil sie den Faktor der sozialen Energienicht im Geringsten erfassen. So gehört die These, dass die Geldflut der Zentralbanken nicht zu spürbarer oder gar schmerzhafter Inflation führen wird, in den Abfalleimer der Geschichte. Denn sie übersieht völlig die Schattenmärkte – privat oder staatlich genährt – als wesentliches Segment der global-sozialen Energiewirtschaft. In diese Schattenmärkte fließt in Zeiten konjunktureller Abschwünge ein schnell anwachsender Anteil der Geldenergie. Das erklärt sich nicht nur aus der zwingenden Mathematik des Dreisatzes, sondern auch aus den Präferenzen der Menschen. In aus kapitalistischer Perspektive entarteten Gesellschaften oder Gruppen erwachsen ebenso entartete Wünsche und Sehnsüchte.

Ein paar Beispiele:

  • Terrorpotenzial treibt Versicherungsaufwand und erhöht die Betriebskosten für Infrastruktur – ehemalige Sowjetrepubliken sind davon ebenso betroffen wie aufstrebende Staaten des schwarzen Kontinents.
  • Politische Ziele auf Ebene stammes- oder religionsdynastischer Regime fördern Rohstoffknappheit – die arabische Welt ist ein Hort solcher Phänomene.
  • Extreme politische Massenbewegungen – rechts und links unterscheiden sich hier nicht – entziehen die produktive Kraft ganzer Staaten aus dem globalen Wirtschaftsgeschehen – Mittel- und Südamerika sind derzeit besonders anfällig für diese Tendenz, aber sie keimt auch zunehmend in Südeuropa bis hinauf nach Frankreich.

Der enorme Zuwachs der Geldmittel, die die Notenbanken dieser Tage zur vermeintlichen Ankurbelung der Konjunktur in den globalen Kreislauf pumpen, findet in den Regionen liberal-unternehmerischer Aktivität nicht mehr ausreichend Aufnahme – der Schwamm ist vollgesogen und trieft vor Geld. Sie wandern ab in die Schattenmärkte und liefern unvorstellbare Mengen an Energie in Systeme, die keine Überdruckventile besitzen. Diese Systeme neigen aufgrund ihrer psychologischen Struktur zu explosiven Entladungen und entziehen sich jedem Kontroll- oder Steuerungsversuch. Die zwangsläufige Folge könnte sein, dass sich für uns viele der heute als normal und billig empfundenen Güter erheblich verteuern werden. Dazu gehört nicht nur das tägliche Glas Milch, die Raumwärme oder die Immobilienpreise in den aufgeräumten Vierteln unserer Innenstädte, sondern auch Güter wie persönliche Sicherheit, Reisefreiheit und die Souveränität staatlicher Grenzen. Das ist die Inflation, die die Warenkörbe unserer Gelehrten kaum oder gar nicht erfassen. Ihre Konsequenzen treten erst langfristig zu Tage, sind aber umso schmerzhafter und schockierender sobald sie spürbar werden.

Wem das alles zu fern und zu abgehoben ist, der betrachte doch einmal die Entwicklung der Strompreise für Privathaushalte in Deutschland. Weil wir nun schon seit mehr als zehn Jahren an Preissteigerungen im Bereich von über drei Prozent p.a. gewöhnt worden sind, fällt der Effekt vor allem in mittleren und gehobenen Einkommensklassen nicht so recht ins Gewicht. Das „Prekariat“ sieht das freilich ganz anders. Die auch für die nächsten zehn Jahre von vorsorglichen Politikern bereits angekündigten Steigerungsraten treibenden Menschen mit niedrigem Einkommen nicht nur die Zornesröte ins Gesicht, sondern auch eine zunehmende Anzahl von ihnen in den Bereich der Verantwortungslosigkeit für ihr persönliches Schicksal und ihre Zukunft. Sie haben keine Perspektive.

Was hat nun den Strompreis so nach oben getrieben? Die Antwort: Rohstoffe und Religion – die beiden Reinformen der Energie. Steinkohle und Gas für unsere Groß- kraftwerke werden zunehmend von schnell wachsenden Schwellenländern nachgefragt – ein Effekt, den die Ökonomen korrekt voraussagen können. Aber die Religion der Klimaretter, die inzwischen weite Teile von Politik und Bevölkerung durchdrungen hat, wurde und wird in den Modellen nicht erfasst. In Anbetracht der gigantischen billigen Braunkohlereserven unter deutscher Scholle wird sonnenklar, dass der Löwenanteil der Preissteigerung eine quasi-religiöse Triebfeder hat.

Um es klar zu sagen – diese Aussagen hier stellen keine Wertung dar, weder was religiöse Vorstellungen noch was die auf Thesen jungfräulicher Wissensgebiete der Wetter- und Klimaforschung basierenden Glaubenssätze der Ökologiebewegung angeht. Jeder Mensch soll glauben was er will. Jeder hat das Recht auf seine Meinung und seine Präferenzen daraus! Aber umso mehr muss die Wirtschafts- und Sozialwissenschaft nach Wegen suchen, solche Strukturen zu erfassen und zu verstehen. Schafft sie das nicht, dann werden ihre Hypothesen und Empfehlungen enden wie die Rezepturen der Alchemisten an den Höfen der europäischen Dynasten des späten Mittelalters. Dann würde Wissen zunehmend durch Glauben ersetzt. Dann würde den Demagogen der Neuzeit Tür und Tor für neue Verführungen geöffnet.

Und in einer Welt, die überläuft mit finanzieller Energie, wäre dies eine höchst explosive Mischung.

 

Berlin, im Februar 2013

Verweise

1 – http://www.wallstreetjournal.de/
article/SB10001424127887324624404578255692016709954.html
(Februar 2013)